Hintergrund

Spessart außer Rand und Band - Fortsetzung

Es steht fachlich ganz außer Zweifel, dass sich der bayerische Hochspessart als Nationalpark eignen könnte. Allerdings müsste dies noch durch detailliertere Untersuchungen dokumentiert werden, was eigentlich Hausaufgabe des zuständigen Umweltministeriums wäre. Das Ministerium ließ bislang nur eine Karte mit Gebietsgrenzen veröffentlichen, die, als "Suchraum"-Karte deklariert, reichlich Verwirrung gestiftet hat. In dieser Karte wird eine stark befahrene Autobahntrasse in den Suchraum einbezogen. Spötter munkeln: Der erste Nationalpark mit direktem Autobahnanschluss! Inzwischen hat der Landesbetrieb Bayerische Staatsforsten (BaySF) (und nicht das Ministerium!) ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, um die Frage der Holzrechte im Spessart in Bezug auf einen denkbaren Nationalpark zu klären (angeblich sind rund 65.000 Bürger davon betroffen). Urteil der Rechtsexperten: Diese Frage stehe "in einem nicht auflösbaren Konflikt" und würde nach Auffassung der Gutachter bedeuten, dass eine Nationalpark-Ausweisung mit großen nutzungsfreien Kernzonen rechtlich kaum durchzusetzen sei. Aber laut Schätzung des Vereins "Freunde des Spessarts" nehmen dieses Holzrecht tatsächlich nur gut 1.000 Personen in Anspruch. Hinzu kommt die von einem ehemaligen Forstamtsleiter und Staatsminister angezettelte, unsägliche Kontroverse um die Eichen im Spessart, die mittlerweile zur "Seele des Spessartwaldes" hochstilisiert wurden. Im bayerischen Landtag haben die Oppositionsparteien eine Experten-Anhörung durchgedrückt - gegen Widerstände der CSU-Fraktion. Man fragt sich bei all dem, ob die CSU es mit dem Nationalpark tatsächlich ernst meint. Von einer strategisch gut vorbereiteten und mit handfesten Informationen unterfütterten Vorgehensweise ist nichts zu verspüren. Stattdessen fallen CSU-Leute weiterhin ihrer eigenen Umweltministerin in den Rücken und anscheinend ist das Kriterium "Akzeptanz" die einzige Messlatte bei der Auswahl des Nationalpark-Standorts. Fatal ist, dass dabei die Kern-Idee des Schutzinstruments "Nationalpark" zunehmend aus dem Fokus gerät und immer mehr "Zugeständnisse" gemacht werden, die sich naturschutzfachlich kaum mehr begründen lassen. In einem Spessart-Nationalpark soll es nach den Vorstellungen der zuständigen Ministerin kein "Wegegebot" geben und in der zukünftigen, streng geschützten Nationalpark-Kernzone soll es weiterhin eine gezielte Förderung der Eiche geben dürfen. Generell scharf zu kritisieren ist das intransparente, kaum fachlich nachvollziehbare Verfahren der Gebietsauswahl. Potenzielle Nationalparkflächen sollten ein Mindestmaß an ökologisch hochwertigen Qualitäten aufweisen. Das scheint auch bei einer erst kürzlich veröffentlichten Gebietskulisse "Rhön" nicht der Fall zu sein.

Grundsätzlich ist zu fragen, ob wir in Deutschland tatsächlich noch weitere Nationalparks brauchen, bei denen der Etikettenschwindel von vornherein vorprogrammiert ist, und ob wir weiterhin eine Politik unterstützen sollten, der das "Etikett" anscheinend wichtiger ist als der Inhalt. Und schließlich muss die Frage gestellt werden, ob es Sinn macht, die Ausweisungsverfahren für Nationalparks allein des Bundesländern zu überlassen. Nach den derzeitigen Regelungen des Bundesnaturschutzgesetzes (§ 22) müssen die Länder bei den Ausweisungsverfahren lediglich das "Benehmen" mit dem für Naturschutz zuständigen Bundesministerium herstellen. Demgemäß hat der Bund nur ein Mitwirkungsrecht, aber kein Mitentscheidungsrecht. Dringend notwendig wäre eine Richtlinie, die den Ablauf der Nationalpark-Ausweisungsverfahren bundeseinheitlich regelt. Vor jedem Verfahren sollten z. B. fachlich fundierte und nachvollziehbare Standort-Untersuchungen durchgeführt werden, und nur das Gebiet mit den besten Voraussetzungen sollte sich dann auch "Nationalpark" nennen dürfen. Bayern zeigt gerade, wie man es nicht machen sollte! 

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Ein Fall von Stümperhaftigkeit

Nachfolgend das Schreiben der EU-Kommission vom 14. Oktober 2015 zur Beschwerde Az. CHAP (2013) 2311, betreffend Natura 2000-Gebiet "Hoher Keller":

Sehr geehrte Herren! Ich beziehe mich auf Ihre oben genannte Beschwerde, mit der Sie eine unionsrechtswidrige Missachtung der Erhaltungsziele für FFH-Buchenwaldgebiete in Hessen rügen. Sie weisen insbesondere auf Verstöße gegen das so genannte Verschlechterungsverbot nach Art. 6 (2) der FFH-Richtlinie, vornehmlich infolge einer intensiven forstwirtschaftlichen Nutzung hin. Betroffen seien in erster Linie die Lebensraumtypen Hainsimsen-Buchenwald, Waldmeister-Buchenwald, mitteleuropäischer Orchideen-Kalk-Buchenwald, Eichen-Hainbuchenwälder, Labkraut-Eichen-Hainbuchenwälder und Schlucht- und Hangmischwälder. Sie führen beispielhaft eine Verschlechterung des Gebiets "Neugesäß" als Teil des FFH-Gebiets "Hoher Keller" (DE 4920-304) an. In bzw. trotz Kenntnis der herausragenden ökologischen Wertigkeit des Gebiets seien in dem Zeitraum 2009 bis 2013 die wertgebenden Altbuchenbestände nahezu vollständig entnommen worden. Dabei sei zudem der Kronenschlussgrad erheblich abgesenkt und das typische, kühl-humide Klima stark verändert worden. Sie gehen auf weitere ökologische Auswirkungen ein, die allesamt zu einer deutlichen Verschlechterung des Erhaltungszustands des Gebiets geführt hätten. Sie behaupten darüber hinaus, dass sich Ähnliches in fast allen FFH-Wald- und Vogelschutzgebieten Hessens ereignete. Am Beispiel der Verschlechterung des Erhaltungszustands des LRT 6230 Borstgrasrasen im FFH-Gebiet "Sackpfeife" (DE 5017-302) weisen Sie weiter darauf hin, dass auch andere, integrale Bestandteile von Waldökosystemen betroffen seien. Ich möchte Ihnen zunächst für Ihre Hinweise und Erklärungen vielmals danken. Diese sind eine für die Kommission wichtige Erkenntnisquelle.

Ich stelle fest, dass das Gebiete "Hoher Keller" Teil des Nationalparks "Kellerwald-Edersee" ist. Ausweislich der entsprechenden Verordnung ist unter anderem der Schutzzweck, einen günstigen Erhaltungszustand der im Nationalparkgebiet vorkommenden natürlichen Lebensraumtypen zu bewahren oder wieder herzustellen (siehe Artikel 2 Absatz 3 der Verordnung). Im Wesentlichen gilt dies für die in Artikel 2 Absatz 4 der Verordnung genannten prioritären und weiteren Lebensraumtypen, darunter auch die von Ihnen angesprochenen. Darüber hinaus bestimmt Artikel 2 Absatz 8 der Verordnung, dass in dem Nationalpark grundsätzlich keine gewinnorientierte Holznutzung stattfindet. Damit sind die gesetzlichen Grundlagen geschaffen worden, die eine Beachtung unionsrechtlicher Vorgaben sicherstellen sollen. Zu beurteilen, ob diese - nationalen - Vorschriften tatsächlich von dem betroffenen Nationalparkamt bzw. dem dieses beaufsichtigenden Landesbetriebs Hessen-Forst eingehalten werden, ist in erster Linie Aufgabe des für Forsten und Naturschutz zuständigen Landesministeriums. Dieses ist hierzu nicht nur berufen, sondern auch faktisch in einer besseren Lage, die Situation vor Ort zu bewerten. Es ist nicht ersichtlich, dass das Landesministerium oder gegebenenfalls die die Verwaltung kontrollierenden deutschen Gerichte dieser Aufgabe nicht nachkommen bzw. nachkommen würden. Aus diesem Grund möchte ich Sie jedenfalls zunächst an die zuständigen deutschen Behörden und Gerichte verweisen, welche grundsätzlich auch von anerkannten Naturschutzorganisationen angerufen werden können. Aus diesem Grund beabsichtige ich, Ihre Beschwerde nicht weiterzuverfolgen und die Akte zu schließen. Sie haben zuvor aber Gelegenheit, sich binnen eines Monats ab dem Erhalt dieses Schreibens hierzu zu äußern, wenn Sie dies möchten.

Mit freundlichen Grüßen   Paul Speight

Nachfolgend unsere Reaktion auf das Schreiben am 12. November 2015.

Sehr geehrte Damen und Herren! Sehr geehrter Herr Speight! Wir beziehen uns auf Ihr Schreiben vom 14.10.2015, mit dem Sie unsere Beschwerde zur unionsrechtswidrigen Missachtung der Erhaltungsziele für FFH-Buchenwaldgebiete in Hessen offensichtlich abschließend beantwortet haben. Zunächst möchten wir darauf hinweisen, dass wir mit einem gewissen Befremden registriert haben, dass Sie für die fachliche Bewertung der von uns vorgebrachten Beschwerde einen Zeitraum von nunmehr 27 Monaten benötigt haben. Angesichts tiefgreifender Verstöße gegen die FFH-Richtlinie Art. 6 (2) erscheint uns die Dauer des Bearbeitungsprozesses allgemein unangemessen, zumal sich dadurch im Falle von letztendlich als berechtigt zu bewertenden Beschwerde-Inhalten keine Möglichkeiten zur kurz- bis mittelfristigen Unterbindung bzw. Beendigung der aufgezeigten Richtlinien-Verstöße bestehen und somit weitere gravierende Verluste hinsichtlich der Natura 2000-Schutzgüter billigend in Kauf genommen werden. Als Bürger, welche das verbriefte demokratische Recht der Beschwerdeführung auf europäischer Ebene im Sinne der gemeinschaftlichen Gesetzesvorgaben in Anspruch genommen haben, sind wir allein aufgrund der uns unangemessen erscheinenden Bearbeitungszeit von mehr als zwei Kalenderjahren von der Effizienz der Kommissionsarbeit enttäuscht. Die Lektüre Ihrer offensichtlich abschließenden Feststellungen zu den von uns vorgetragenen Sachverhalten hat uns darüber hinaus allerdings in ungläubiges Staunen versetzt.

Die von uns in mehreren Eingaben an die Kommission formulierte Beschwerde ist offensichtlich weder inhaltlich noch fachlich ernsthaft geprüft worden. Unsere Beschwerde bezieht sich im Wesentlichen auf das FFH-Gebiet "Hoher Keller" (Gebietsnummer 4920-304) bzw. auf ein Teilgebiet desselben ("Neugesäß"). Weitere von uns genannte und dokumentierte Beispiele entsprechender Verstöße der Hessischen Landesforstverwaltung bzw. des Eigenbetriebs Hessen-Forst gegen die FFH-Richtlinie nach Art. 6 (2) beziehen sich auf das FFH-Gebiet "Dalwigker Holz" (Gebietsnummer 4719-303) und insbesondere das FFH-Gebiet "Sackpfeife" (Gebietsnummer 5017-302). Zu unserem großen Erstaunen verorten Sie diese Waldgebiete innerhalb des Nationalparks Kellerwald-Edersee (FFH-Gebietsnummer 4819-301), was jeglicher Grundlage entbehrt, da die genannten, den Gegenstand der Beschwerde bildenden Gebiete mit der Nationalpark-Kulisse "Kellerwald-Edersee" rein gar nichts zu tun haben. Weiterhin sind in der von Ihnen aufgeführten Liste der von uns angeblich genannten, von Verstößen gegen FFH-RL Art.  (2) betroffenen Wald-Lebensraumtypen die LRT 9160, 9179 und *9180 genannt, welche nicht Gegenstand der von uns geführten Beschwerde waren und sind. Die aus Ihrer Stellungnahme abzuleitenden, groben fachlichen Fehleinschätzungen der Beschwerde-Inhalte durch die Kommission erwecken bei uns den Eindruck, dass unsere Bemühungen, einen Beitrag zur Erhaltung der Schutzgüter von Natura 2000 zu leisten, von der Kommission nicht ernst genommen werden. Ihr Vorschlag, die Beurteilung, ob es sich bei den aufgezeigten Sachverhalten tatsächlich um Verstöße gegen die FFH-Richtlinie handelt, ausgerechnet der die Verstöße planmäßig verursachenden Landesforstverwaltung bzw. dem Hessischen Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaftr und Verbraucherschutz (HMUKLV) zu überlassen, grenzt an Ignoranz.

Wie wir ferner aus Ihren Ausführungen ableiten können, scheint es so zu sein, dass die Kommission den jeweiligen EU-Mitgliedsstaaten bei der fachlich-inhaltlichen Festlegung der Kriterien, die die Erhaltungszustände der Wald-LRT definieren, fast uneingeschränkten Handlungsspielraum gewährt. Das Gleiche gilt offensichtlich bei der Umsetzung der FFH-Richtlinie in den dafür eingerichteten, besonderen Schutzgebieten. Dies hat besonders in Deutschland dazu geführt, dass die Naturschutz-Standards in den meisten Natura 2000-Gebieten, die Wald-LRT beherbergen, auf unterstes Niveau gesenkt wurden und die forstliche, in der Regel naturschutzwidrige Bewirtschaftung der Gebiete somit kaum Einschränkungen erfährt. Dabei bleibt die FFH-Richtlinie vor allem bei der Sicherung der biologischen Vielfalt speziell in Wäldern, insbesondere in Buchenwäldern weitgehend unwirksam.

Angesichts der fachlich offensichtlich vollkommen verfehlten Analyse unserer Beschwerdeführung erscheint Ihre Entscheidung, unsere Beschwerde nicht weiterzuverfolgen und die "Akte zu schließen", geradezu als ungeheuerlich. Unser Vertrauen in die Kompetenz der Generaldirektion Umwelt ist dadurch mehr als erschüttert. Wir bitten Sie, Ihren Beschluss unter fachlich seriöser Herangehensweise neu zu überdenken

Markus Schönmüller     Norbert Panek 

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Die Macht der Ignoranten

Im Winter 2014 hatten wir sowohl die grüne hessische Umweltministerin Hinz als auch deren Staatssekretärin Tappeser in mehreren Briefen auf die prekäre Situation der Altbuchenbestände vor allem in den hessischen Natura 2000-Gebieten aufmerksam gemacht. Eine Auswertung der aktuellen Bundeswaldinventur ergab, dass die zwischen 101 und 160 Jahre alten Buchenbestände in Hessen seit 2002 um rund 8.600 Hektar abgenommen haben. Die offiziellen Bilanzen gehen hingegen von einer Zunahme der Bestände insgesamt aus. Faktisch nehmen jedoch die Holzvorräte in den älteren Buchenbeständen infolge der dort einsetzenden Lichtungs-, Ernte- und Räumungshiebe sukzessive ab. In der Bestandsaltersklasse 9 (älter als 160 Jahre) ist die Baumschicht dann nur noch rudimentär ausgebildet; sie wird in der Regel großflächig von meterhohen Buchensämlingen abgelöst. Die waldtypischen, auf Alt- und Totholz angewiesenen Arten sind in solchen "Beständen" weitgehend verschwunden. Die massiven ökologischen Auswirkungen dieser gängigen Buchen-Behandlungsmethode werden von offizieller Seite systematisch ignoriert bzw. totgeschwiegen. Bemerkenswert ist, dass dieses offizielle Credo nun auch von den maßgeblichen Verantwortungsträgern der grünen Partei im hessischen Umweltministerium mitgetragen und gutiert wird. Eine grüne Ministerin macht sich zum Handlanger der Forstlobby im eigenen Haus.

Wir hatten u.a. vorgeschlagen, dem Beispiel Baden-Württembergs folgend zukünftig nur 30 % des maximalen Holzvorrats in den Buchenbeständen ab Alter 140 Jahre zu nutzen und die Bestände langfristig in eine prozessschutz-orientierte, kahlschlagfreie Nutzung zu überführen. Dazu die Ministerin Hinz in Ihrem Schreiben vom 4. Februar 2015 wörtlich: "... Die Folge wäre, dass das verbleibende Holz ... ab einem Alter von über 160 Jahren und insbesondere über 200 Jahren an wirtschaftlichem Wert verliert. Nachhaltig würde das Land Hessen durch den Wertverlust des verbleibenden Bestands auf nennenswerte Holzgelderlöse verzichten. Zudem ist zu berücksichtigen, dass die Arbeitssicherheit durch den steigenden Totholzanteil für die im Wald tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiten sinkt. Fällarbeiten durch Waldarbeiter in diesen Beständen würden deutlich gefährlicher. Faktisch führen damt Ihre Vorschläge dazu, dass die Nutzung des Rohstoffes Holz auf großer Fläche unwirtschaftlicher wird, ohne dass damit wesentliche zusätzliche Fortschritte bei der Erhaltung der biologischen Vielfalt erzielbar wären. Zudem sind bei einem solchen Vorgehen nicht nur finanzielle Einbußen für den Landeshaushalt, sondern durch den Verzicht auf die Nutzung des qualitativ und gesamtökologisch wertvollen Rohstoffes Holz auch volkswirtschaftliche Auswirkungen zu bedenken." (Zitat-Ende).

-Entlarvende Worte, die deutlich machen, dass unsere Buchenwälder als reine Holzfabriken betrachtet werden, und die Sorge um den kurzfristigen Verlust von Holzerlösen anscheinend für wichtiger genommen wird als jede Bestrebung, unsere Wälder langfristig natur- und ressourcenschonender zu nutzen. Dass gerade öffentliche Wälder hier eine Vorbildfunktion zu erfüllen haben, wird selbst unter grüner Ägide verdrängt.

In unserem Schreiben vom 30. Dezember 2014 an das Umweltministerium als Oberste Naturschutzbehörde des Landes Hessen haben wir die Praktiken von Hessen-Forst in den EU-geschützten Natura 2000-Gebieten aufgegriffen und insbesondere das Konzept der so genannten "Altbestandsprognose" moniert. Sie soll nach Aussagen von Hessen-Forst die Verträglichkeit der Waldbewirtschaftung mit den "Zielsetzungen der FFH-Gebiete" garantieren. In diesem Prognose-Konzept werden auf der Grundlage der Forsteinrichtungsdaten die Flächenveränderungen der Buchenbestände ab Bestandsalter 120 Jahre vorausberechnet, ohne dass dabei allerdings auch die Veränderungen der Holzvorräte in den Beständen berücksichtigt werden. Die Holzvorräte der Hauptbaumschicht sind jedoch ein wichtiger Gradmesser der ökologischen Wertigkeit dieser Bestände.Sinkt der Vorrat infolge Holznutzung deutlich unter 100 cbm je Hektar, sind die ökologischen Waldfunktionen auf der Fläche massiv eingeschränkt. Am Beispiel der Daten für das Natura 2000-Gebiet "Hoher Keller" hatten wir aufgezeigt, dass sich die durch Holzerntenutzung entwerteten Altbestände (>160 Jahre) bis 2019 flächenmäßig verdreifachen und sich die 120- bis 160-jährigen Buchenbestände im genannten Gebiet um fast 50 % verringern. Uns ist völlig schleierhaft, wie die Naturschutzbehörden auf der Grundlage reiner Flächenangaben und ohne Nutzungsvorgaben auf den tatsächlichen Erhaltungszustand der Altholzbestände schließen wollen. Die hessische Umweltministerin Hinz hat am 4. Februar 2015 folgendermaßen geantwortet: "Die von Ihnen kritisierten Planungsprognosen erfüllen nach meiner Einschätzung ihre Funktion als Kontroll- und Steuerungsinstrument. Sie gewährleisten grundsätzlich, dass die geplanten Nutzungen nicht zu einer Verschlechterung des Erhaltungszustands führen. Sollte die ursprüngliche forstliche Planung eine Fehlsteuerung bewirken, wird sie korrigiert. Die Prognosen sind ein ohne übermäßigen Aufwand einfach zu handhabendes und effizientes System mit Anstoßfuktion. Wie Sie richtig feststellen, ermöglichen die Prognosen nur eine Beurteilung der Entwicklung auf Ebene des gesamten Gebiets, eine Beurteilung auf Ebene einzelner Waldabteilungen ist nicht vorgesehen und zur Ermittlung des Erhaltungszustands und einer möglichen Verschlechterung nicht erforderlich. Ich bestreite jedoch nicht, dass im begründeten Einzelfall genauer hingesehen werden muss und eingehendere Kontrollen mit ggf. daraus folgenden Bewirtschaftungsauflagen erforderlich sein können. Es ist Aufgabe der für den Vollzug von Natura 2000 zuständigen oberen Naturschutzbehörden, dies in Abstimmung mit Hessen-Forst zu gewährleisten." (Zitat-Ende)     

Auf unsere allgemeine Kritik zum Schutz der Buchenwälder in Natura 2000-Gebieten hat die Ministerin wie folgt geantwortet: "Ihre Anregungen zur Behandlung der ... geschützten Buchenwälder sind noch einmal eingehend geprüft worden. Wie Sie vorstehenden Ausführungen entnehmen können, bestehen in Hessen im europäischen Maßstab bereits generell sehr hohe waldbauliche Standards zur Bewirtschaftung von Buchenwäldern. Es stellt sich daher die Frage, ob diese in den Natura 2000-Gebieten noch erhöht werden müssen. Grundsätzlich stimme ich Ihnen zu, dass in diesen Gebieten die Schutzfunktionen eine hervorgehobene Stellung haben und im Konfliktfall ökonomische Überlegungen zurückstehen müssen. Da rund 43 % des hessischen Staatswaldes in Natura 2000-Gebieten liegen und die Auswirkungen zusätzlicher Maßnahmen entsprechend hoch wären, bedarf die Definition dieses Konfliktfalles oder besser die Festlegung von Eingriffsschwellen für die Ergreifung solcher Maßnahmen einer wissenschaftlich hinreichend tragfähigen Begründung ... Ihre Einschätzung, dass die Buchenwälder in den Natura 2000-Gebieten keinem wirksamen Schutzregime unterliegen, kann ich nicht teilen. Die Gebiete wurden in Übereinstimmung mit den geltenden Bestimmungen rechtsförmlich ausgewiesen. Damit sind alle mit einer erheblichen Beeinträchtigung der Gebiete verbundenen Pläne und Projekte untersagt." (Zitat-Ende)    

 

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Größer, dicker, vorratsreicher?

Anfang Oktober 2014 veröffentlichte der Bundesforstminister die Daten einer neuen Bundeswaldinventur, die Aufschluss über den Zustand unserer Wälder in Deutschland geben soll. Was bei der Präsentation der Inventurergebnisse auffiel, war vor allem die ausgesprochen einseitige und tendenziöse Auslegung und Interpretation der Resultate seitens des Ministeriums. Motto: Alles toll im deutschen Wald, alles im grünen Bereich! O-Ton: "Der gute Zustand des Waldes ist das Ergebnis vorausschauenden waldbaulichen Handelns von Politik, Waldeigentümern und Förstern." So viel Selbstbeweihräucherung macht verdächtig und einmal mehr deutlich, welche Interessen der Minister vertritt. Die Verquickung von Politik und Lobbyinteressen ist offensichtlich.

In einer Broschüre mit dem Titel "Der Wald in Deutschland" (www.bmel.de) hat das Bundesforstministerium "ausgewählte" Daten der Inventur veröffentlicht. Moniert wird darin lediglich, dass die Fichte als wichtigster Rohstofflieferant der Forstwirtschaft im Rückgang begriffen und deswegen dringender Handlungsbedarf angezeigt sei. Der Minister wörtlich: "Wir müssen also darüber sprechen, wieviel Fichtenwald wir brauchen und welche Alternativen zu Fichte sich angesichts des Klimawandels bieten." Die Vorräte der Fichte hätten gegenüber der letzten Waldinventur (2002) um 48 Mill. cbm abgenommen. Dass dies aufgrund waldbaulicher Fehler den zahlreichen Windwurfkatastrophen geschuldet ist, wird nur am Rande erwähnt. In der Inventur wird dann zudem auch festgestellt: In unseren Wäldern wachsen zu viele dicke ("alte") Bäume, die die Holzindustrie nicht verwerten kann, weil sie sich auf schwache bis mittlere Stammdimensionen spezialisiert hat. Angeblich soll es also nun mehr Wälder mit "alten" Bäumen geben. Dass 24 % der Waldbestände älter als 100 Jahre sind, wird offensichtlich schon als "Qualitätsmerkmal" interpretiert. Wirklich alte bzw. ältere Laubwälder ab der Altersklasse 160 Jahre bedecken 270.155 Hektar, was lediglich 2,5 % der Gesamtwaldfläche entspricht. Bei den älteren Nadelbäumen liegt der Anteil bei gerade knapp über 80.000 Hektar.

Neben den reinen Holz-Massen wurden auch Naturschutz-Merkmale wie z.B. die Baumartenzusammensetzung (-bewertet nach der potenziellen natürlichen Vegetation) sowie die Anteile von Totholz und Biotopbäumen ermittelt. Zwar haben die Zähltrupps auf der gesamten Untersuchungsfläche insgesamt 51 Baum-Arten kartiert, jedoch dominieren auf fast 75 % der Holzbodenfläche lediglich vier Baum-Arten (nämlich Fichte, Kiefer, Buche und Eiche). Auf mehr als der Hälfte der Fläche stocken nach wie vor Fichten- oder Kiefernbestände. Nach wie vor werden demzufolge 64 % der deutschen Waldes als "bedingt naturnah" bis "kulturbestimmt" eingestuft. Wo heute von Natur aus Buchenwälder wachsen würden, stehen aktuell nur zu 21 % tatsächlich Rotbuchen, aber zu mehr als 50 % nicht standortheimische Nadelhölzer. Dabei wird betont, dass der Waldumbau weiter vorangetrieben werde; die Buchenfläche hätte seit 2002 um 6 % zugenommen. Verschwiegen wird allerdings, dass die Fichte neuerdings verstärkt hauptsächlich durch die wuchskräftige Douglasie ersetzt wird. Hervorgehoben wird auch immer wieder, dass der Trend im deutschen Wald in Richtung Mischwald gehe. Der Anteil der Mischwälder würde aktuell bei 76 % liegen. Ein Wald gilt laut Definition schon als "Mischwald", wenn lediglich zwei Baumgattungen darin vorkommen und der Mischungsanteil für eine Baumgattung mindestens 10 % beträgt. Das bedeutet: Ein Nadelwald gilt schon als "gemischt", wenn nur 10 % Laubhölzer darin vorkommen. Tatsächlich weisen Fichten- und Kiefernbestände laut Inventur die geringsten Mischungsgrade auf.

Wie mit dem Zahlenwerk herumgetrickst wird, beweisen auch die Angaben zu den Totholz-Vorräten im deutschen Wald. Laut Ministerium sind es durchschnittlich 20,6 cbm pro Hektar. Bei der letzten Inventur (2002) lag der Vorrat bei 11,6 cbm je Hektar. Die erhebliche Zunahme kommt durch den zusätzlich erhobenen Anteil von Totholz ab einem Stammdurchmesser von 10 cm zustande. Hauptsächlich haben stehende Stammstücke beim Nadelholz zugenommen, was auf den enormen Anstieg von Windwurfholz zurückzuführen ist. Im Vergleich zur Inventurstudie 2008 hat der Totholz-Vorrat insgesamt um ca. drei Kubikmeter je Hektar abgenommen. Dies wird an keiner Stelle erwähnt. Der deutsche Wald bietet für holzbewohnende Arten weiterhin viel zu wenig Lebensraum! Daran können auch geschönte Statistiken nichts ändern. Im Rahmen der Inventur wurden auf 5 % der Waldfläche "besondere Biotope" erfasst, die sich zu 77 % auf Feuchtstandorten befinden (z.B. Moor- und Auenwälder). Da stellt sich sofort die Frage: Was ist dann eigentlich mit den Trockenstandorten im Wald los? Auch Orchideen-Buchenwälder sind "besondere Biotope" (nach den Länder-Naturschutzgesetzen sogar besonders geschützt!), die in der Praxis aber meist mit Douglasien und Schwarzkiefern bepflanzt werden.

Im Zuge der Inventur wurden an ca. 60.000 "repäsentativen" Stichprobenpunkten rund 420.000 Einzelbäume erfasst und vermessen. Die Messdaten wurden elektronisch verarbeitet und auf die übrige (nicht erfasste) Waldfläche hochgerechnet. Danach sollen im deutschen Wald gegenwärtig rund 90 Milliarden Bäume wachsen. Davon umfassen die Bestände ab einem Brusthöhen-Durchmesser von 7 cm rund 7,6 Milliarden Bäume. Nimmt man diese Zahl als Bezugsgröße, dann beträgt der Anteil der tatsächlich inventarisierten Bäume lediglich 0,005 % (!). Erfasst wurden auch so genannte Biotopbäume (-die besondere ökologisch bedeutsame Merkmale aufweisen). Die Hochrechnung ergibt laut Inventur einen Gesamtbestand von 93 Millionen Bäumen, darunter 22 Millionen Specht- bzw. Höhlenbäume und 741.000 Horstbäume, auf denen Großvögel brüten. Für sich genommen, klingen die Zahlen gewaltig; in Relation zum Gesamtbestand der über 7 cm dicken Bäume gesetzt, beträgt der Biotopbaum-Anteil lediglich 1,2 %. Interessant ist, dass in der Hochrechnung nur etwa eine Millionen Biotopbäume eine entsprechende Kennzeichnung aufweisen. Das bedeutet, dass nur ein Bruchteil (1 %) der Bäume mit ökologisch relevanten Merkmalen in den Forstbetrieben tatsächlich erfasst und markiert werden. Ein desaströses Ergebnis für den von Forstseite so gepriesenen "integrativen" Naturschutz! Überhaupt keine Angaben macht der Bundesforstminister zu der Verbiss-Belastung durch überhöhte Wild-Bestände sowie zu der zunehmend dichter werdenden Rückegassen-Erschließung der Waldflächen und den dadurch bedingten Bodenschädigungen.

 

 

 

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Rauschen im Feigenblätter-Wald

Hessen-Forst hat jetzt eine "Naturschutzleitlinie"

Der Landesbetrieb Hessen-Forst hat 2010 eine "Naturschutzleitlinie" eingeführt, die die rund 342.000 Hektar umfassende Staatswaldfläche ökologisch aufwerten soll. Kernstück der Leitlinie ist ein so genanntes Habitatbaum- und Kernflächenkonzept. Darin sollen einerseits die bereits erfassten Habitatbäume mit bekannten Vorkommen schutzrelevanter Arten und andererseits zusätzlich mindestens drei weitere Habitatbäume pro Hektar in den über 100-jährigen Laubholzbeständen dauerhaft gesichert werden. Nach Schätzungen des Landesbetriebs würden somit zusätzlich rund 214.000 Habitatbäume ausgewiesen. Bei dieser Baumzahl wäre eine Totholzanreicherung von rund 850.000 cbm zu erwarten. Zudem soll laut Richtlinie der Holzeinschlag in Laubwaldbeständen von Mitte April bis Ende August ruhen, um die Brutstätten störungsempfindlicher Vogelarten nicht zu beeinträchtigen. Für Großbrüter sind außerdem Horstschutzzonen vorgesehen.

Darüber hinaus werden auf Forstamtsebene nutzungsfreie "Kernflächen" ausgewiesen, die allerdings, so wird immer wieder vorgerechnet, bereits vorhandene Prozessschutzflächen, z. B. bestehende Altholzinseln und Naturwaldreservate einbeziehen sollen. Nach Angaben von Hessen-Forst würden bereits rund 21.000 ha (= 6 % der Staatswaldfläche) nicht mehr genutzt. Allein ein Viertel dieser Flächen nimmt allerdings der Nationalpark "Kellerwald-Edersee" ein. Das Kernflächenkonzept folgt einer modifizierten "Hotspots"-Strategie, die von dem britischen Ökologen Norman Myers ursprünglich für artenreiche Regenwaldregionen in den Tropen entwickelt wurde. Danach soll mit einem möglichst geringen räumlichen (und finanziellen) Aufwand eine maximale Anzahl von Arten geschützt werden. In mitteleuropäischen Wäldern ist eine relative Artenvielfalt in der Regel vor allem in den Alters- und Zerfallsphasen von Laubwäldern sowie auf Sonder- und Extremstandorten zu erwarten. Daher zielt das Konzept auf eine Auswahl und Sicherung vornehmlich solcher Phasen bzw. Waldstandorte ab. Faktisch sind aber vor allem alte, im Zerfall befindliche Bestände im normalen Wirtschaftswald außerhalb von Schutzgebieten nicht mehr existent. Nimmt man allein die laut Statistik noch vorhandenen, über 180-jährigen Laubbaumbestände, dann umfasst die potenziell noch verfügbare Fläche (nach Angaben von Hessen-Forst) lediglich rund 3.000 ha (= 0,87 % des hessischen Staatswalds). In den Buchenbeständen weisen weniger als 10 % dieser Altersklasse noch annähernd Vollbestockung auf. Letzlich greift das eingeführte Konzept mehr oder weniger auf die bestehenden, größtenteils bereits gesicherten Altholzbestände zurück, z. B. auf die bereits ausgewiesenen Altholzinseln und Naturwaldreservate sowie die kartierten Biotopflächen. Dieses Potenzial umfasst laut Hessen-Forst insgesamt rund 14.300 ha. Als mögliche Erweiterungs- und Arrondierungsflächen werden lediglich noch die "Waldbestände außer regelmäßigem Betrieb" (abgekürzt: W.a.r.B.) betrachtet. Völlig ausgeklammert bleiben dagegen alle 140 - 160-jährigen Laubwaldbestände. Gerade Buchenbestände dieser Altersklasse wären für den Aufbau eines Flächenpotenzials zukünftiger Alters- und Zerfallsphasen von enormer Bedeutung. Aktuelle ortsbezogene Angaben zu den tatsächlichen Anteilen der über 140-jährigen Buchenbestände im Staatswald werden von Hessen-Forst systematisch verschwiegen. 

Es ist offensichtlich, dass diese "Hotspots"-Strategie allein dazu dienen soll, dem Staatsforstbetrieb ein neues "grünes" Deckmäntelchen zu verpassen, das den derzeitigen Status der Waldbewirtschaftung weitgehend unangetastet lässt, - also: Naturschutz mit möglichst geringestem Aufwand, minimaler Flächeninanspruchnahme und auf unterstem fachlichen Niveau! Hessen-Forst missbraucht das Kernflächenkozept dazu, weitergehende Schutzkonzepte als uneffektiv und unwissenschaftlich zu diffamieren. Indiz dafür sind die zahlreichen abstrusen Einlassungen im Erläuterungstext zur Richtlinie. So wird beispielsweise behauptet, dass ein Nutzungsverzicht in unseren heimischen Wäldern weitreichende Folgen für Wälder in anderen Regionen der Erde hätte, wo dann der Nutzungsdruck enorm ansteigen würde. Fakt ist: Schon jetzt werden beträchtliche Mengen von Holz-Rohstoffen nach Deutschland importiert. Die gesamte Importmenge umfasst aktuell jährlich über 100 Mio. cbm. Ein bundesweiter, stilllegungsbedingter Nutzungsausfall würde maximal vielleicht 5 Mio. cbm per anno ausmachen und auf die Holzhandelsbilanz statistisch kaum Einfluss nehmen. Ferner behauptet Hessen-Forst: Der notwendige Umfang nutzungsfreier Waldflächen lasse sich wissenschaftlich nicht begründen. Der Schutz vieler kleiner Kernflächen sei für den Erhalt der Artenvielfalt wirksamer. Biotopverbundsysteme im Wald seien für ausbreitungsschwache Totholz-Arten unwirksam. Die Rahmenbedingungen für den Schutz von Arten und Lebensräumen müssten durch Waldbewirtschaftung vorbestimmt werden. "Messlatte der Populationsdichten und -größen kann also nicht der Naturwald sein." Waldbestände müssten demzufolge nicht dauerhaft aus der Nutzung genommen werden.

Mit solchen Thesen ignoriert Hessen-Forst bewusst den aktuellen, fachwissenschaftlichen Kenntnisstand, der gerade in den letzten Jahren durch eine Vielzahl von einschlägigen Studien und Publikationen namhafter Autoren erweitert wurde (siehe SCHERZINGER, LEIBUNDGUT, KORPEL, MLINSEK, FLADE, WINTER, JEDICKE, MÜLLER etc.). Vor allem die Argumente gegen die Wirksamkeit von Verbundsystemen oder gegen die Einrichtung von Großschutzgebieten machen deutlich, wie von Hessen-Forst Sachverhalte einseitig forstideologisch ausgelegt werden. Dabei böte gerade die "Ausbreitungsschwäche" der zitierten Arten Anlass, die Ausweisung möglichst großer, nutzungsfreier Waldreservate verstärkt voranzutreiben, denn die für diese Arten überlebensnotwendigen Totholzstrukturen können sich im erforderlichen Umfang nur in solchen größeren Schutzgebieten mit starken Holzvorräten entwickeln. Dabei spielen für diese in der Regel anspruchsvollen Totholz-Arten neben dem Umfang auch die räumliche Verteilung, die unterschiedlichen (zeitlich versetzten) Abbaustadien sowie die Konstanz der Totholzmengen eine entscheidende Rolle. Nur unter solchen Bedingungen (großflächiger Prozessschutz) können sich langfristig ausreichend individuenstarke Spender-Populationen entwickeln. Die Frage der Mindestgrößen für nutzungsfreie Kernflächen wird von Hessen-Forst mit dem Hinweis "nicht wissenschaftlich belegt" ausgeblendet und die Naturschutzleitlinie bleibt demzufolge unkonkret (Kernflächen ab 1 ha Größe; Erweiterung durch W.a.r.B.-Flächen "wo möglich und wirtschaftlich vertretbar"). Der Landesbetrieb agiert damit sogar gegen die Vorgaben seiner fachlich zuständigen Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt, die für Kernflächen ("hot spots") eine "wissenschaftlich begründete" Größe von wenigstens 20 ha empfiehlt.

Seit langem gesicherte Kenntnisse, die sich aus der Insel-Biogeographie bzw. Arten-Areal-Relation ableiten, werden in der Richtlinie weder thematisiert noch berücksichtigt. Ebenso ignoriert werden die mittlerweile empfohlenen Mindestgrößen für Naturwaldreservate (100 ha) und für Altholzinseln (5 ha). Die mittlere Größe der ausgewiesenen Altholzinseln in Hessen beträgt gerade 1,78 ha (!). Wichtige Schlüssel-Bausteine eines überregionalen Biotopverbunds sind große zusammenhängende Gebiete, in denen das gesamte Spektrum systemtypischer, dynamischer Naturprozesse ungestört ablaufen kann. Zurzeit ist im hessischen Staatswald bislang lediglich der Nationalpark "Kellerwald-Edersee" als größerer "Schlüssel-Baustein" etabliert.

Nach Angaben von Hessen-Forst liegt der "aktuelle" Totholz-Anteil bei 36 cbm je Hektar, wobei aus dem Richtlinientext nicht klar hervorgeht, ob sich dieser Wert nur auf Staatswaldflächen oder auf die gesamte hessische Waldfläche bezieht. Seit der letzten Bundeswaldinventur (2002) hat sich der dortige Totholz-Anteil mehr als verdoppelt, was sich aber im Wesentlichen durch eine Senkung der Erfassungsgrenze (Mindest-Stammdurchmesser > 10 cm) erklären lässt. Hessen-Forst führt an, dass außerdem Windwurf und Erntetätigkeiten als Ursache für den Totholz-Anstieg verantwortlich sind. Die Mengen bestehen also hauptsächlich aus Schwachholz und Kronenreisig. Zahlreiche Autoren weisen hingegen auf die besondere Bedeutung von stark dimensioniertem Totholz hin. Mit zunehmendem Stammdurchmesser wächst die Vielfalt der Holz bewohnenden Tierarten. Stärker dimensionierte Tothölzer sind in hessischen Laubwäldern aber Mangelware. Der Anteil von Vorräten ab einem Stammdurchmesser von 60 cm liegt gerade bei 1 cbm je ha (!). Der minimalistische Ansatz der von Hessen-Forst eingeführten Naturschutzleitlinie setzt sich im so genannten Habitatbaum-Konzept fort: Durschschnittlich drei Bäume pro Hektar sind das Mindestmaß. Nach neueren Untersuchungen (z.B. FLADE) sollten Wirtschaftwälder mit mindestens fünf Biotopbäumen je Hektar ausgestattet sein. Dabei sollten die Bäume einen Brusthöhen-Durchmesser von mindestens 40 cm aufweisen. Andere Autoren fordern einen Anteil von mindestens 10 % des erntereifen, stehenden Vorrats, der auf Dauer ungenutzt als "Biotopholz" erhalten bleiben sollte. Die von Hessen-Forst vorgegebene Habitatbaum-Zahl hat allenfalls kosmetischen Wert. Die Wirkung von Habitatbaum-Konzepten müsste parallel durch Änderung der Waldbewirtschaftung unterstützt bzw. optimiert werden, z.B. durch Verlängerung der Endnutzungszeitpunkte bzw. der Umtriebszeiten. In den üblicherweise vorratsarmen, durch selektive Holzentnahme gelichteten Wirtschaftswäldern ist das Grundpotenzial an Biotop- und Totholzbäumen generell stark eingeschränkt. Verschärft wird die Situation aktuell durch erhöhten (weiter steigenden) Nutzungsdruck und eine weitgehend maschinell organisierte Waldbehandlung, was sich unmittelbar auf die Struktur der Bewirtschaftungsfläche auswirkt (zunehmende Erschließung und "Homogenisierung" der Baumbestände). Derart gewandelte Rahmenbedingungen erschweren die Integration von Naturschutzmaßnahmen beträchtlich. Die Naturschutzleitlinie von Hessen-Forst enthält weder Hinweise auf die Problematik noch (als Konsequenz daraus) Vorschläge für etwaige Bewirtschaftungsänderungen. Zudem wird an keiner Stelle der Richtlinie die besondere Schutzverantwortung erwähnt, die Hessen speziell für das Naturerbe der Rotbuchenwälder und insbesondere für die verschiedenen Lebensraumtypen der Buchenwälder im Rahmen der europäischen FFH-Richtlinie trägt.

Die neue Naturschutzleitlinie ist vom "Geist" einer Forstideologie durchtränkt, der die Nutzung des Waldes als seinen besten Schutz betrachet. Dabei bestimmt der Forstmann nach Gutdünken, ob und wie viel Naturschutz auf welcher Fläche stattfinden darf. "Messlatte" für etwaige Schutzmaßnahmen "kann also nicht der Naturwald sein", sondern "der für den Wirtschaftswald typische Nutzungszyklus" (Zitat). Ein so definierter Handlungsrahmen konterkariert jegliche Bemühung um einen naturnäheren Umgang mit unseren Wäldern, stellt ihn sogar in Frage. Denn: Vorbild für Naturnähe kann letztlich nur der Naturwald sein und nicht ein manipuliertes Waldnutzungssystem. Insofern offenbart die Leitlinie ihre wahre Intention als grünes Feigenblatt.

Norbert Panek - 14.09.2012

>Hinweis: Eine leicht geänderte Fassung dieses Beitrags erscheint demnächst in der Fachzeitschrift "Naturschutz und Landschaftsplanung"  

 

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